Während seiner Jugend in einer Kreuzberger Gang schien Kenan Taners Zukunft wenig aussichtsreich. Doch der junge türkische Schauspieler schaffte den Sprung aus der Kriminalität ein ein normales Leben.
Die dunklen Augen blitzen, die Bewegungen sprühen vor Leben. Kenan Taner spielt sich selbst. „Ey, Alter, wie redest du mit mir? Hast du sie noch alle, oder was?“, ruft der Schauspieler und einen Moment lang sieht man nicht den netten jungen Mann mit der eckigen Brille, sondern den wütenden 16jährigen, der er einmal war. Heute schlüpft Taner scheinbar mühelos in die Rolle des „Gangsters“, wie er es nennt. Aber der Schritt aus der Kreuzberger Gang an die Schauspielschule war schwer.
Kenan Taners Geschichte ist kein schöner, glatter Lebenslauf. Aber es ist eine lehrreiche Geschichte, denn sie handelt von Respekt, Anerkennung und der Suche nach dem richtigen Weg.
Kenan Taners Weg beginnt in Berlin Neukölln. „Ich bin unter Arabern aufgewachsen, da waren alle aggressiv.“, erzählt der 29jährige. „Ich habe mich jeden Tag geprügelt.“ Er zuckt die Schultern. „Das war eben so.“ Doch Taner schlägt öfter zu als die anderen, traut sich mehr und gilt bald als mutig. Auf einmal erfährt der Junge, was es heißt, respektiert zu werden und er lernt schnell, dass er sich diesen Respekt verschaffen muss, um nicht unterzugehen. Der Kampf um Respekt wird sein Leben fast zwanzig Jahre lang beherrschen.
Zunächst gewinnt er die Anerkennung der Älteren durch sein Talent beim Fußball, später dann als Mitglied einer Kreuzberger Gang. „Das war komisch, sogar meine Eltern hatten plötzlich Respekt vor mir.“, erinnert er sich. „Ich brauchte auf einmal nicht mal mehr mein Zimmer aufzuräumen.“ Doch die angenehmen Seiten seines neuen Lebens überwiegen nicht lange. Das nachsichtige Lächeln, mit dem Kenan Taner über seine Kindheit spricht, verschwindet und sein Gesicht wird ernst, wenn es um diesen Teil der Geschichte geht. Der Jugendliche verstrickt sich immer weiter in die Kriminalität, ist kurz davor, in Waffenschmuggel und Drogengeschäfte zu geraten. Und hier kommt die andere Seite von Kenan Taner zum Vorschein. Denn was ihn rettet, ist ausgerechnet die Sorge um seine Familie. „Mir ist klar geworden, dass ich meine Familie mit reinziehe, wenn ich da rein rutsche.“, sagt er leise. „Darum habe ich mich für den schwereren Weg entschieden und eine Ausbildung angefangen.“ Eine Entscheidung, die ihm vielleicht das Leben gerettet hat. „Meine damaligen Freunde sind alle tot, abgeschoben oder im Gefängnis.“ Und bei dem Gedanken, wie knapp er selbst an diesem Weg vorbeigeschrammt ist, scheint Taner auch heute noch zu erschrecken.
Doch der junge Mann in Jeans und Poloshirt, der so freundlich und harmlos aussieht, hat es geschafft. Sein Sprungbrett in die Normalität war das Theater. Zunächst nur amateurhaft, dann folgte der Besuch einer Schauspielschule und mehrere Projekte mit Jugendlichen. „Die sind zehn Jahre jünger als ich und haben überhaupt keinen Respekt.“, erzählt er und fügt beinahe stolz hinzu: „Ich hätte es nie für möglich gehalten aber: Heute verarschen die mich und ich kann einfach drüber lachen!“
In seinem eigenen Theaterstück „Einbahnstraße“ verarbeitet er schließlich sogar seine Erfahrungen zum Thema Jugendkriminalität. „Durch das Theater habe ich zum ersten Mal in meinem Leben wirkliche Leidenschaft gespürt und nicht nur Ehrgeiz.“ Dabei haben ihn ursprünglich der Ehrgeiz und die Sehnsucht nach Reichtum zum Theater gebracht „nachdem Fußball spielen und Gangster werden nicht geklappt hat.“ Ob es nicht naiv war, zu denken, man könne am Theater reich werden? Einmal mehr erscheint dieses entwaffnend offene Lächeln auf Taners Gesicht. „Dann war ich eben naiv.“
© Lea Hartwich, 2009