Nach der Wende hat der Schmied Hendrik Niemann den Boden unter den Füßen verloren. Und nie wieder Halt gefunden.
Seine Lippen umschließen die Mundharmonika. Mühsam pressen sie einige Laute heraus. Die Töne klingen schrill, eine Melodie gibt es nicht, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Für Hendrik Niemann ist die Mundharmonika eine Möglichkeit eine andere Zeit wieder lebendig zu machen. Eine Zeit, die vielleicht nicht gut, aber trotzdem besser war. Eine Zeit, in der sein Leben noch in Ordnung war.
Niemann sitzt auf einer Bank in der Innenstadt von Magdeburg. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert den Rauch tief und genüsslich. Sein Gesicht ist braun gebrannt und zerfurcht, das braune Haar und der Vollbart schon von Grau durchzogen. Es ist ein Gesicht, dem man seine Geschichte ansieht. Er trägt zerschlissene Jeans und ein khakigrünes T-Shirt, schwarze Flipflops an den schmutzigen Füßen. Die Mundharmonika in seinen rauen Händen ist alles was er dabei hat, abgesehen von Zigarettenschachtel und Bierflasche. Beides vermischt sich zu dem Geruch, der ihn ständig umgibt. Ein Geruch, der in der Nase sticht. Irgendwann um die Mittagszeit ist er gekommen, es ist nicht die erste Bierflasche seitdem, das gibt er zu.
Was ihm in seinem Leben noch geblieben ist? Bier ist spontan das einzige, was ihm einfällt. Es bleibt auch das einzige. „Ich häng halt hier rum. Und Flaschensammeln mach ich.“ Pfandflaschen helfen dem Langzeitarbeitslosen, das Hartz IV-Geld ein wenig aufzubessern, das Bier hilft aus der Ödnis des Alltags.
„So sieht mein Tagesablauf aus“, sagt er. Seit wann? „Schon ewig!“ Ewig bedeutet in seinem Fall seit der Wende. Hendrik Niemann ist Schmied. Zu DDR-Zeiten hat er in einem der zahlreichen Metallverarbeitungsunternehmen gearbeitet, die damals in Magdeburg angesiedelt waren. „Da konnste von leben“, sagt er. Sein Blick schweift in die Ferne, während er erzählt. Es ist lange her, dass er darüber nachgedacht hat und noch länger, dass er darüber gesprochen hat. Das alles kommt ihm vor wie eine andere Welt. Eine Welt in der er eine Wohnung hatte, eine Freundin und ein Kind. Er war zufrieden mit seinem Leben, die Arbeit als Schmied machte ihm Spaß.
Das Erzählen fällt ihm nicht leicht. Er ist unruhig, sagt lange Zeit nichts, betrachtet die Bilder, die er heraufbeschworen hat, vielleicht verscheucht er sie auch. Er überlegt, schiebt immer wieder die blaue Mütze auf seinem Kopf zurecht. „Mit der Wende kam nur Scheiße für mich.“ Die meisten Firmen in der Metallbranche wurden geschlossen, sein Arbeitsplatz war auf einmal weg. Zuerst hatte der 54-Jährige Glück. Eine Privatfirma stellte ihn ein. „Das war aber nichts. Fünf Jahre später waren die auch pleite. Auf einmal gab es in der Branche keine Arbeit mehr“, sagt Niemann. Das kam für ihn wie ein Schlag aus dem Nichts. Seine Ausbildung, die er immer für sicher und solide gehalten hatte, war plötzlich überhaupt nichts mehr wert. Niemann war von dieser Entwicklung völlig überrumpelt, er verpasste seine Chancen, lernte nichts anderes. „Und auf einmal stand ich da.“
Mittlerweile erwartet Niemann nicht mehr viel von der Zukunft. „Ich mach mir da keine Illusionen. Mit fünfzig gibt dir keiner mehr Arbeit.“ Es klingt, als hätte er sich mit seiner Situation arrangiert. Glücklich sieht er nicht aus. Er hat auch kein erfülltes Leben. Aber es geht halt irgendwie.
Ein Schluck aus der Bierflasche, wieder dieser Blick, der abschweift, in eine Zeit, um die er immer noch trauert. „Ich hab immer gedacht, das wird schon wieder, Schmied ist doch ein Beruf, der immer gebraucht wird.“ Aber auf einmal ging es Schlag auf Schlag. Hartz IV, Wohnung weg, Freundin weg. Sie hatte genug von Magdeburg und der Perspektivlosigkeit. Hendrik Niemann wollte nicht weg. „Magdeburg ist eine schöne Stadt“, sagt er. Vor allem ist es seine Stadt. Er will hier bleiben, trotz allem. Seine Lebensgefährtin hat er nie wieder gesehen, nie wieder von ihr gehört. Ihre Tochter hat sie mitgenommen. Niemann weiß nichts über das Mädchen und auch wenn ihn das manchmal traurig macht, ist er doch froh, dass auch sie nichts über ihren Vater weiß. Es ist ihm lieber so. „Die muss ja nicht sehen, was ich hier mache.“
An seinen eigenen Vater erinnert er sich gerne. Auch der war Handwerker, doch seine Liebe gehörte abends der Musik. Die Mundharmonika war seine Art der Ablenkung von der harten Arbeit. Der Sohn hörte ihm damals nur zu. „Ich bin völlig unmusikalisch“, gesteht Hendrik Niemann mit dem leichten Anflug eines Grinsens. Trotzdem trägt er das Instrument immer bei sich. Nicht, weil er die Musik liebt. Sondern die Erinnerung.
© Lea Hartwich, 2008