Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat,

ist die der Bücher die Gewaltigste

Heinrich Heine

Wer lässt den Sturm zu Leidenschaften wüten?

Das Abendrot im ernsten Sinne glühn?

Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten

Auf der Geliebten Pfade hin?

Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter

Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?

Wer sichert den Olymp? Vereinet Götter?

Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

Johann Wolfgang von Goethe: Faust I


Gibt es Harry Potter? Eine Frage, die auf den ersten Blick leicht zu beantworten scheint. Wie kann es jemanden geben, der nur zwischen den Seiten eines Buches existiert? Jemanden, dessen Leben und dessen Geschichte von irgendeinem Menschen erfunden wurde? Aber: Kann es jemanden nicht geben, der in den Köpfen so vieler Menschen Gestalt angenommen hat? Kann man die Existenz von jemandem leugnen, den Millionen von Menschen kennen? Der ihnen so vertraut ist, wie ein Mensch, den sie persönlich kennen? Jemand mit dem sie gehofft und gebangt haben und dessen Schicksal ihnen keine Ruhe ließ, bis es endlich da war, das Happy End? Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage. Und auf einmal ist sie alles andere als leicht zu beantworten. Und wenn Harry Potter nun existiert? Was ist dann mit den anderen? Gibt es Faust? Gibt es Peter Pan? Oder Elisabeth Bennet und Mr. Darcy? Oder all die anderen Figuren aus den Geschichten, die wir alle kennen?

Nein, im physischen, materiellen Sinne existieren tun sie nicht, zumindest bis hierhin können wir ziemlich sicher sein. Aber ist das die einzige Form von Existenz? Abstrakte Begriffe wie Liebe und Hass existieren, ohne dass wir sie jemals beweisen könnten. Gedanken existieren, ohne dass sie sich sehen oder messen lassen. Und irgendwo in dieser Sphäre von Gedanken und Gefühlen existiert eine Welt, die mächtiger und gewaltiger ist als jede andere: Die Welt der Fantasie. Eine Welt in der die Frage, ob es Harry Potter gibt, lächerlich klingen würde. Natürlich gibt es ihn, ihn und alle anderen. Ihre Leben und ihre Geschichten existieren in einer anderen Form als unsere eigenen, aber nichtsdestotrotz sind sie auf eine Weise real, sie werden real dadurch, dass wir sie kennen und sie zu einem Teil unserer Fantasiewelt machen. Was in unserer physischen Welt unmöglich scheint, ist in Büchern und in unserer Fantasie geradezu einfach. Und genau darin liegt das Gewaltige, das Große, das Schöne an Büchern, oder, weiter gefasst, an Geschichten, denn selbst wenn sie niemals niedergeschrieben wurden, gilt wohl dasselbe für die Geschichten, die die Menschen schon vor der Erfindung der Schrift ausdachten und erzählten: Es ist eine Welt ohne Grenzen, eine Welt der unendlichen Freiheit. Wo die Natur dem Menschen in all seinem Streben und seinen Bemühungen Grenzen aufzeigt und ihn immer wieder ihren Gesetzen unterwirft, überwindet die Fantasie diese Grenzen mit Leichtigkeit. Was uns in dieser Welt unmöglich scheint, können wir in der phantastischen Welt eines Buches oder einer Geschichte Wirklichkeit werden lassen.

In der Schöpfungskraft des Dichters, des Geschichtenerzählers, der sie erfindet und ausdenkt, zeigt sich die menschliche Kraft in ihrer reinsten und mächtigsten Form, denn sie ist durch nichts an irdische Gesetze gebunden. Einzig die Fantasie könnte ihr Grenzen setzen. Und diese Fantasie ist mächtiger als wir uns bewusst sind. Sie hat Dinge geschaffen, die geradezu selbstverständlich zu unserem alltäglichen Leben gehören, hat es geschafft, sie in unseren Köpfen zu verankern, obwohl sie unserem rationalen Denken völlig unmöglich und unrealistisch erscheinen. Ihr entspringen Mythen, Sagen und Märchen. Sie hat Hexen und Zauberer, Geister und Gespenster, Vampire und Werwölfe, Riesen und Zwerge, Trolle, Elfen und Feen hervorgebracht. Selbst wenn die meisten von uns nicht an die Existenz dieser Fabelwesen glauben, so kennt sie dennoch jeder von uns und hat ein Bild von ihnen vor Augen. Sie begleiten uns von unserer Kindheit an, wir haben sie bewundert und gleichzeitig beneidet, um die phantastische Welt, in der sie leben dürfen. Sie haben unsere Fantasie beflügelt und unsere Träume und Sehnsüchte erweckt. Welches Kind wollte nicht so stark sein wie Pippi Langstrumpf? Oder so schön wie eine Märchenprinzessin? Wie viele von uns haben als Teenager heimlich auf den Brief nach Hogwarts gewartet? Gute Bücher ziehen uns in ihre eigene magische Welt, lassen uns die Wirklichkeit – wenn auch nur für eine kurze Zeit – zurücklassen, bis selbst die fantastischsten Dinge nicht mehr unmöglich scheinen. Oder zumindest nicht unmöglich genug, um sich nicht von ihnen faszinieren zu lassen.

Doch Bücher können noch mehr. Sie können unsere Wirklichkeit nicht nur um phantastische Dinge ergänzen, sondern sie auch so scharfsichtig abbilden, dass sie uns helfen, unsere eigene Zeit mit neuen Augen zu sehen. Bücher können Geschichte lebendig machen, indem sie uns das Lebensgefühl anderer Epochen durch persönliche Schicksale näher bringen und es für uns fühlbar und erlebbar machen. In Büchners „Dantons Tod“ beispielsweise werden nicht nur die Errungenschaften der französischen Revolution, sondern auch das Gefühl der Verwirrung und Hilflosigkeit, das gegenseitige Misstrauen angesichts der anschließenden Schreckensherrschaft gezeigt. Beim Lesen von Fontanes „Effi Briest“ begreifen wir deutlicher als durch jede sachliche historische Darstellung die Zwänge und Sitten im Preußen des späten 19. Jahrhunderts und ihre Macht wird geradezu offensichtlich durch die Art und Weise wie sie die Leben der Figuren einschränken und am Ende auch zerstören. Werke wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts neues“ und Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ gewähren uns, ohne dass wir selbst jemals einen Krieg erlebt haben, einen Einblick in die Perspektive sowohl der Opfer als auch der Soldaten und SS-Offiziere und konfrontieren uns mit der Frage, wie wir an deren Stelle gehandelt hätten. Wir bekommen einen – wenn auch im Vergleich zur Realität nur schwachen – Eindruck vom Ausmaß des Schreckens solcher Erlebnisse, der emotionaler und somit vielleicht auch dauerhafter ist als eine statistische Betrachtung der Opferzahlen.

Gleichzeitig sind Romane natürlich auch weniger sachlich und frei von Wertungen als Statistiken oder Sachtexte, sie reflektieren die Ereignisse vielmehr stets auf einer persönlichen und emotionalen Ebene, die einen ebensolchen Zugang zu ihnen ermöglicht. Diese Ebene kann die Beschäftigung mit einem Thema erleichtern, da sie es möglich macht, quasi unbewusst unseren Horizont zu erweitern. Wir müssen wichtige Fakten nicht auswendiglernen, sondern nehmen sie automatisch auf, während wir uns auf die Geschichte konzentrieren, in die sie eingebettet sind. Für Menschen, die gerne lesen ist das ein Weg, auch am Lernen Vergnügen zu haben, indem sie sich dabei von einer Geschichte faszinieren lassen.

Denn selbst wenn wir uns in jedem Moment bewusst sind, dass das, was wir lesen, nicht wirklich ist, selbst wenn das Ende von Anfang an feststeht, unabänderlich, schwarz auf weiß, selbst dann können wir uns nicht dagegen wehren, in den unwiderstehlichen Bann einer guten Geschichte gezogen zu werden. Natürlich könnten wir auf der letzten Seite nachlesen, ob es ein Happy End gibt und uns damit viele Sorgen ersparen. Doch stattdessen fiebern wir mit den Helden, fühlen die Spannung als säßen die Bösewichte nicht nur ihnen sondern auch uns im Nacken. Wir zittern mit den Liebenden als wären wir es, die aufgeregt auf das erste Date warten und merken am Ende überrascht, wie erleichtert wir sind, wenn endlich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt sind und dem ewigen Liebesglück nichts mehr im Weg steht.

Und noch überraschter sind wir, wenn wir das Buch am Ende zufrieden zuklappen – und sich in diese Zufriedenheit plötzlich ein leises Bedauern mischt. Denn das Ende der Geschichte bedeutet für uns das Verlassen einer Welt, den Abschied von Menschen, die wir gerade angefangen haben zu kennen. Und wir wissen schon, dass wir das Buch nie wieder mit denselben Augen lesen werden – ein Stück der Spannung und Ungewissheit ist nach dem ersten Mal unwiderruflich verloren. Je mehr Zeit wir mit einem Buch und seinen Charakteren verbringen, je stärker wir in seine Welt versinken, desto härter fühlt sich die Trennung an. Joanne K. Rowling dürfte dieses Problem kennen aus den unzähligen Leserbriefen, in denen verzweifelte Harry Potter-Fans sie dazu bringen wollten, die Geschichte nicht schon nach dem siebten Band zu beenden, sondern sie noch weiter am Leben ihres Helden teilhaben zu lassen.

Selbst wenn die meisten Menschen nicht so weit gehen würden wie die Protagonistin in Stephen Kings Roman „Sie“, die ihren Lieblingsautor entführt und ihn zwingt den Tod ihrer über alles geliebten Heldin rückgängig zu machen und die Geschichte für sie weiterzuschreiben – die meisten von uns haben sich wahrscheinlich schon mal gewünscht, eine Geschichte würde einfach nicht zu Ende gehen. „Sie“ ist ein gutes – wenn auch extremes – Beispiel dafür, welche Macht Bücher haben können, welche Macht etwas, dass nur aus Sprache und Fantasie besteht auf die Wirklichkeit haben kann. Bücher haben die Welt verändert in Zeiten, wenn es für ihre Autoren zu gefährlich war, ihre Meinung ohne die schützende Umhüllung einer Geschichte auszusprechen. Während der Aufklärung haben Bücher Menschen die Augen geöffnet, sie haben Weltanschauungen verändert und Mächtige zu Fall gebracht.

Natürlich liegen in dieser Macht auch Gefahren. Im extremsten Fall kann die Welt der Bücher eine Fluchtmöglichkeit sein. Ein Weg der realen Welt zu entkommen und sich vollkommen in eine Fantasiewelt zurückzuziehen. Eine Versuchung für Menschen, denen die Realität zu viel wird, die diesen Weg wählen, um vor ungelösten Problemen davonzulaufen und dann passiv dabei zusehen wie ihr Leben völlig außer Kontrolle gerät. Das ist eine der Gefahren, die diese Welt – wie Alkohol oder Drogen, wie jedes Mittel, das eine Flucht aus der Realität ermöglicht – in sich birgt.

Doch für die meisten von uns stellen Bücher eher eine Abwechslung zur realen Welt dar, eine bunte Auswahl an Orten in unserer Fantasie, von denen wir je nach Stimmung einen auswählen und für eine Weile dorthin abtauchen können. Denn die Welt der Bücher besteht in Wirklichkeit aus vielen unterschiedlichen Welten und jedes Buch ist das Tor zu einer von ihnen. Nicht jeder Mensch, nicht jeder Leser findet einen Zugang zu jeder dieser Welten. Manche von ihnen bleiben uns für immer verschlossen, während wir uns in anderen auf Anhieb zu Hause fühlen. Manche Bücher lesen wir einmal, um sie dann nie wieder in die Hand zu nehmen, aber die Bücher, zu denen wir den besten Zugang gefunden haben und mit deren Helden wir uns am stärksten identifizieren, begleiten uns oft ein Leben lang. Ihre Welt und die Menschen darin werden zu einem Bestandteil unseres Lebens und unserer Welt und machen, wenn auch unbewusst, einen Teil von uns aus.

Das ist das Besondere an guten Büchern: Ihre Charaktere sind Menschen, die Gefühle und Reaktionen in uns wecken und in denen wir etwas von unseren eigenen geheimen Träumen wiederfinden. Es sind Menschen, mit denen wir uns identifizieren können, die strahlende Helden und abgrundtief böse Schurken sein können und sich dabei trotzdem noch einen menschlichen Zug bewahren, sodass wir sie im Grunde unseres Herzens verstehen können. Sie sind Menschen wie wir – mit dem Unterschied, dass ihnen Dinge zustoßen, auf die wir vergebens warten. Und immer, wenn uns unser Leben allzu ereignislos und normal erscheint, können wir uns an ihre Seite flüchten und dem Alltag entkommen. Sie erleben quasi stellvertretend für uns haarsträubende Abenteuer, bekämpfen das Böse und retten die Welt.

Wir sind in der Lage, Menschen zu erschaffen. Menschen mit einer Vergangenheit und einer Zukunft. Menschen, die lieben und hassen, handeln und zweifeln, genau wie wir selbst. Wir sind in der Lage, eine Welt zu erschaffen, die der unseren ebenbürtig ist, weil sie von ebensolchen Menschen wie uns selbst bewohnt wird. Daneben wirken alle anderen von Menschenhand geschaffenen Werke blass und unvollkommen. Sie verblassen neben der gewaltigsten aller von uns geschaffenen Welten, der Welt der Bücher und unserer Fantasie.

© Lea Hartwich, 2009

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