Was ist schon ein gebrochenes Herz? Im Prinzip bedeutet es doch nichts anderes, als jemanden zu lieben und feststellen zu müssen, dass der andere uns nicht liebt. Als ich dich kennengelernt habe, war ich davon überzeugt, dass das das schlimmste sei, was mir passieren könnte. In dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich dabei war, mich in dich zu verlieben, in diesem Moment habe ich wirklich geglaubt, mein Herz wäre das einzige, was zerbrechen könnte. Das ist jetzt zwei Jahre her. Zwei Jahre, die sehr schnell vergangen sind. Ich weiß nicht, wie oft du mir in diesen Jahren noch das Herz gebrochen hast, aber jetzt weiß ich endlich, dass es sehr wohl schlimmeres gibt. Wenn du dich verliebst, wenn du deine ganze Hoffnung in einen Menschen setzt, dann kannst du nicht nur diesen geliebten Menschen verlieren, nicht nur dein Herz, sondern irgendwann auch dich selbst. Es kann dir passieren, dass du eines Morgens aufwachst und feststellst, dass nichts mehr von dem da ist, was dein Leben früher ausgemacht hat, was dich ausgemacht hat. Es kann sein, dass da auf einmal eine Leere in dir ist, und alles, was selbstverständlich war, wird in Frage gestellt. Nichts, was du geliebt hast, scheint mehr liebenswert, dein Leben nicht mehr lebenswert, keine Hoffnung kann gegen diese Leere bestehen.
Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe mein Leben nicht mehr gefunden. Ich wollte es überstreifen, so selbstverständlich wie ich jeden Morgen meinen alten Lieblingspulli überziehe, bevor ich in die Küche gehe und Kaffee koche, aber es blieb verschwunden. Es muss über Nacht passiert sein. Vielleicht hat es jemand gestohlen. Vielleicht hat es mich aber auch von sich aus verlassen. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich das nicht verdient hätte. Ich habe es wohl nicht besonders gut behandelt in letzter Zeit. Alles, was ich zu meiner Verteidigung sagen kann ist: Ich habe es nicht gewusst. Und ich weiß, das ist nicht besonders gut. Es reicht nicht. Ist es nicht unsere wichtigste, unsere einzige Verantwortung, unserem Leben einen Sinn zu geben? Über Erfolg und Misserfolg, Sieg und Niederlage, können wir nicht bestimmen, aber ich glaube, es ist unsere Pflicht, zu kämpfen, den Sinn und unser Glück, zu suchen und zu hoffen, dass wir es finden. Ich dachte, ich hätte einen Sinn für mein Leben gefunden. Ich dachte, die Musik sei mein persönliches Glück und das schien nur logisch, schließlich ist sie meine Leidenschaft, mein Beruf, mein Lebensinhalt. Doch in Wirklichkeit war ich blind, blind für meine eigene Selbsttäuschung. Denn auch die Musik, wie so vieles andere, hatte ihren Bedeutung für mich nicht aus sich selbst heraus. Doch es ist wahr, sie nahm den zentralen Platz in meinem Leben ein, seit dem Augenblick, in dem ich beschloss, eine berühmte Musikerin zu werden. Seit dem Augenblick, als ich dich zum ersten Mal sah.
Ich war damals neunzehn und Konzertmeisterin des Bundesjugendorchesters. Ja, ich weiß, damals, das klingt als wäre es ewig her. Aber für mich ist es ewig her. Meine Zeitrechnung unterscheidet nur noch mein Leben bevor wir uns kennengelernt haben und die Zeit danach. Pathetisch, ich weiß.
Die Probephase in diesem Winter war meine letzte, dann waren die zwei Jahre vorbei und das Abitur stand vor der Tür. Was danach kommen sollte, wusste ich noch nicht so genau. Irgendetwas mit Musik? Das schien nahezuliegen. Und genau darum war ich mir wohl auch so unsicher. Alle schienen ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass ich meine musikalischen Erfolge fortsetzen würde. Meine Schulfreunde gingen zur Berufsberatung und quälten sich mit der Frage, was sie nach der Schule am besten machen sollten. Und zu mir sagten sie mit einem Hauch von Neid: Sei froh, dass du dich damit nicht rumschlagen musst! War ich aber nicht. Ich sah nicht die Türen die mir offen standen, die glänzende Zukunft die ich haben konnte. In diesen Monaten fühlte ich mich in erster Linie eingeengt. Alle anderen konnten sich entscheiden, welchen Weg sie in Zukunft einschlagen wollten. Nur mein Weg schien aus irgendeinem Grund schon vorherbestimmt zu sein. Nur zum Spaß sagte ich einmal beiläufig zu meinen Eltern, ich könnte mir vorstellen, Medizin zu studieren. Sie haben noch nicht mal versucht, ihr Entsetzen zu verbergen. Die Eltern meiner Freundinnen hätten wahrscheinlich so reagiert, wenn ihre Töchter verkündet hätten, sie wollten nach dem Abi eine Lehre als Friseuse machen.
Natürlich wollte ich nie Medizin studieren. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, wusste ich die ganze Zeit über, dass es eigentlich überhaupt nichts gab, was ich mir vorstellen konnte, mein ganzes Leben lang zu machen, nichts worin ich wirklich gut war, außer der Musik. Mein eigentliches Problem war nicht der Gedanke, nach dem Abi die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule zu bestehen und Musikerin zu werden. Das wollte ich sogar. Mein Problem war, dass meine Eltern das auch wollten. Und meine Musiklehrer. Und alle anderen, die ich kannte. Und genau das hatte ich so satt. Ich wollte um jeden Preis gegen irgendetwas rebellieren. Ich hatte keine typische Pubertät gehabt. Während andere mit ihren Eltern im Dauerstreit um Make-Up, Klamotten, Ausgehzeiten und den ersten Freund lagen, ging ich zweimal die Woche zum Geigenunterricht und gewann Preise bei Jugend musiziert. Meine Eltern unterstützten mich, schenkten mir ein teures Instrument, ließen mich zu Probephasen und Konzertreisen fahren, sie waren wahnsinnig stolz auf mich und ich wollte sie stolz machen. Jetzt, mit neunzehn, fühlte ich mich gefangen in dem goldenen Käfig, den ich mir selbst gebaut hatte. Ich wollte die Rolle loswerden, die ich so lange gespielt hatte, aber ich hatte keine Ahnung, wogegen ich sie eigentlich eintauschen wollte.
Ich war auf der Suche, so lässt es sich wohl am besten auf den Punkt bringen. Auf der Suche nach einem Sinn für mein Leben, auf der Suche nach mir selbst. Und dann kamst du. Einfach so, als hätte ich nicht mein ganzes Leben darauf gewartet, gewartet ohne zu wissen, worauf ich eigentlich warte. Ich wusste nicht, was Liebe ist. Ich war nie verliebt gewesen. Ich war manchmal mit Jungs ausgegangen und mit zwei oder dreien von ihnen hatte ich vielleicht auch eine engere Beziehung, aber es war mir nie besonders ernst. Ich fand sie nett und das war es auch schon. Der große Knall blieb einfach aus. Ich sah meinen Freunden zu, wie sich einer nach dem anderen zum ersten Mal richtig verliebte, ich war für sie da, wenn sie Liebeskummer hatten, ich versicherte ihnen, dass wer auch immer sie gerade sitzen gelassen hatte, sie sowieso nicht verdient habe. Und all die Male wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dieses Gefühl auch zu kennen. Ich tröstete meine beste Freundin, als ihr Freund auf einer Party auf einmal eine andere küsste und obwohl sie am Boden zerstört war, beneidete ich sie, weil sie trotzdem verliebt war. Verliebtsein erschien mir wie eine Achterbahnfahrt durch Glück und Verzweiflung, unberechenbar, aber vor allem so lebendig. Manchmal habe ich mich ernsthaft gefragt, ob etwas mit mir nicht stimmte. Für alle anderen schien es das Natürlichste auf der Welt zu sein, sich zu verlieben, nur mir passierte es einfach nicht. Vielleicht lag es daran, dass ich nicht war wie alle anderen. Ich wusste, dass ich jemanden brauchte, der mich verstand, meinen Ehrgeiz, meine Liebe zur Musik. Ich erinnere mich ganz genau, dass ich gedacht habe, es wäre mir egal, ob glücklich oder unglücklich, egal, ob es mir das Herz brechen würde, ich wollte mich nur endlich verlieben. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich mir dasselbe noch einmal wünschen? Ich weiß es wirklich nicht.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Als unsere Dirigentin den Solisten ankündigte, der mit uns Beethovens fünftes Klavierkonzert einstudieren würde, und du durch die Tür kamst, fiel mir natürlich dein Aussehen auf. So wie den meisten weiblichen Orchestermitgliedern. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass dieses Gesicht, so bemerkenswert es auch war, mich noch Jahre später in meinen Träumen verfolgen würde.
Ich weiß nicht, wann genau es passiert ist. Irgendwann habe ich mich das erste Mal dabei erwischt, wie ich während der Proben völlig abwesend da saß und dich anstarrte. Ich versuchte, es zu lassen, aber ich konnte nicht. Es gab nichts schöneres mehr, als dir beim Spielen zuzusehen, die Leichtigkeit, mit der deine Finger die Tasten berührten, der konzentrierte Ausdruck deines Gesichts, das Lächeln, das unwillkürlich darüber huschte, wenn dir eine schwierige Passage besonders gut gelungen war. Dein Gesicht wurde mir vertrauter als jedes andere, ich konnte es vor mir sehen, wenn ich die Augen schloss, es war das letzte, woran ich dachte, bevor ich abends einschlief und das erste, wenn ich wieder aufwachte. Ein Lächeln, ein Kompliment von dir, war das höchste Glück, dich nicht zu sehen dagegen, machte mich unruhig. Wir wurden Freunde in diesen drei Wochen. Wir spielten manchmal Duette oder ich hörte dir abends beim Üben zu, manchmal saßen wir auch einfach zusammen und redeten über alles mögliche, du erzähltest von deinem Studium, von Konzertreisen und Auftritten mit berühmten Orchestern und von deinen Plänen für die Zukunft. Ich war beeindruckt und hörte meistens nur zu. Du warst nur fünf Jahre älter als ich, aber ich fühlte mich neben dir irgendwie sehr jung und sehr unbedeutend. Aber damals beschloss ich, das zu ändern. Als wir uns nach dem letzten Konzert voneinander verabschiedetet hatten und du weggingst ohne dich umzudrehen, während ich dir nachschaute, bis du in der Dunkelheit der Januarnacht verschwunden warst, beschloss ich, dass ich dich auch beeindrucken würde. Ich wollte mir deine Bewunderung verdienen, ich wollte genau so erfolgreich werden wie du.
Ich glaube, ich kann guten Gewissens behaupten, dass es mir gelungen ist. Ich habe hart gearbeitet, ich bin über mich hinausgewachsen. Meine Karriere als Solistin hat glänzend begonnen. Ich bin in deiner Welt angekommen, wir kennen die selben Leute, werden zu den gleichen Veranstaltungen eingeladen. Auf einem Empfang wurden wir vor einigen Monaten sogar für ein Paar gehalten, wir würden gut zueinander passen, sagte man uns, zwei aufsteigende Sterne am Himmel der klassischen Musik, erfolgreich, beliebt, gutaussehend. Wir haben darüber gelacht und niemand hat gemerkt, dass mein Lachen falsch klang, dass es mir das Herz zerrissen hat, dich lachen zu sehen über den Gedanken, wir könnten zusammen sein.
Ich habe mir deine Bewunderung verdient und die der ganzen Welt. Und ich habe immer erfolgreich verdrängt, dass ich mir etwas vorgemacht habe. Ich wollte von Anfang an nicht deine Bewunderung, sondern deine Liebe. Und wie groß dieser Unterschied wirklich ist, das habe ich so richtig wohl erst jetzt verstanden.
Wir waren immer eher gute Bekannte als echte Freunde. Wenn wir uns gesehen haben, haben wir viel geredet und gelacht, wir konnten uns stundenlang über Musik unterhalten oder über gemeinsame Bekannte lästern. Aber über persönliche Dinge haben wir so gut wie nie gesprochen. Ich weiß wenig über deine Kindheit, ich kenne weder deine Familie, noch deine Freunde, ich war erst einmal kurz in deiner Wohnung. Warum war ich trotzdem so sicher, dass du der Richtige warst, der einzig Richtige für mich? Warum habe ich in zwei Jahren nicht einmal daran gezweifelt, dass ich der glücklichste Mensch der Welt wäre, wenn du mich lieben würdest? Warum habe ich immer geglaubt, dass unsere Beziehung funktionieren müsste, habe immer wieder davon geträumt, wie du später um meine Hand anhalten würdest, wie wir heiraten und eine Familie haben würden? Vielleicht, weil es so weh tat, dich nicht an meiner Seite zu haben. Vielleicht habe ich geglaubt, dass etwas zwangsläufig gut und richtig sein muss, wenn seine Abwesenheit so sehr schmerzt.
Nur einmal haben wir uns geküsst. Es war auf der Weihnachtsfeier der Uni letztes Jahr, wir waren beide betrunken, die Stimmung war mäßig und irgendwie landeten wir eng umschlungen in einer dunklen Ecke. Du hast dich später nicht einmal daran erinnert. Und ich habe natürlich darüber gelacht, mein falsches Lachen, das mittlerweile so echt klingt, dass ich es selbst fast glaube, damit du nicht merkst, dass du wieder einmal alle meine Hoffnungen zerschmettert hast.
Nach dieser Erfahrung wollte ich in diesem Jahr gar nicht zu dieser unseligen Weihnachtsfeier gehen, aber ich habe es doch getan. Weil du mir gestern eine SMS geschrieben hast und wissen wolltest, ob ich komme. Schwer zu erraten, was ich geantwortet habe. Schlimmer kann es ja schließlich nicht werden, sprach ich mir Mut zu und nahm mir vor, diesmal einfach nichts zu trinken. Doch ich hätte mir gar keine Sorgen machen müssen, dass zwischen uns etwas passieren könnte. Erst dachte ich, ich müsste mich verhört haben, als du auf mich zu kamst und sagtest, du möchtest mir deine Verlobte vorstellen. Es konnte einfach nicht sein, nicht nach all der Zeit, all den Bemühungen, nach allem, was ich getan hatte, um mir deine Liebe zu verdienen. Jetzt ist es also einer anderen gelungen, das worum ich so lange vergebens gekämpft hatte. Sie ist nicht einmal Musikerin, nicht talentiert, erfolgreich, berühmt, reich oder schön. Sie sieht erstaunlich normal aus. Und das tut vielleicht sogar am meisten weh. Dass ich alles gegeben habe, so hart gearbeitet habe, um perfekt zu sein, für dich, und dann suchst du dir jemand anderen aus, und schenkst ihr das, was ich mir trotz aller Anstrengungen nicht verdienen konnte. Ich weiß nicht, ob sie lustig oder sympathisch ist oder ob ich sie nicht leiden kann, denn ich bin nicht lange genug geblieben, um es herauszufinden. Ich habe es irgendwie geschafft, mich zu entschuldigen und auf dem Weg nach draußen nicht zu rennen und nicht so sehr in Tränen auszubrechen, dass ich nichts mehr sehen konnte. Doch an der Tür habe ich mich noch einmal umgedreht, ich konnte einfach nicht anders. Und als ich gesehen habe, wie du sie geküsst hast, dieser glückliche Ausdruck in deinem Gesicht, deine strahlenden Augen, da war es vorbei mit meiner Selbstbeherrschung.
Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Ich habe eine Flasche billigen Rotwein in der Küche gefunden und den Kopfschmerzen nach zu schließen, die heute Morgen trotz des Aspirins nicht aufhören wollen, habe ich den Vorsatz, nichts zu trinken, wohl radikal über Bord geworfen. Dann habe ich mich ins Bett gelegt und geheult, bis ich irgendwann tatsächlich eingeschlafen bin. Nur, um heute Morgen aufzuwachen, nicht nur mit einem höllischen Kater, sondern auch mit dieser riesigen Leere in mir, die sich anfühlt, als wäre ich über Nacht zu einem wandelnden schwarzen Loch geworden. Ich habe meine Geige genommen und wollte mich mit meinen Lieblingsmelodien trösten, dieses Mittel hatte schließlich noch nie versagt. Bis heute. Ich habe versucht, an die guten Seiten meines Lebens zu denken, schließlich sind das nicht wenige. Alle, eigentlich. Alle, bis auf mein Liebesleben. Zumindest bis heute. Heute musste ich feststellen, dass der Gedanke daran mir keine Freude mehr bringt. Es bedeutet mir nichts mehr, es scheint sinnlos und leer. Meine Karriere, meine Erfolge, alles wollte ich in erster Linie erreichen, um dich zu beeindrucken, alles war von dem diffusen Gedanken bestimmt, ich bräuchte bloß besser zu werden, perfekt zu werden, um mir das zu verdienen, was ich mir am meisten wünschte. Dich.
In meinem Wahn, deine Liebe zu erkämpfen, habe ich es versäumt, meinem Leben einen Sinn, ein Ziel zu geben, dass ich aus mir selbst heraus erreichen konnte. Du warst immer das einzige Ziel. Und jetzt, wo dieses Ziel plötzlich nicht mehr nur schwer erreichbar, sondern völlig außer Reichweite ist, scheint alles andere, meine Anstrengungen, meine Erfolge, mein ganzes kleines Leben, ziellos geworden zu sein. Und jetzt sitze ich hier und fühle mich, als würde ich langsam aus einem zwei Jahre dauernden Rausch aufwachen und frage mich, wie es soweit kommen konnte. Wie ich in meinem Wahn, das Glück zu gewinnen, langsam aber sicher alles andere in meinem Leben und am Ende mich selbst verlieren konnte. Jetzt sitze ich hier mit meinem Kater und meinem gebrochenen Herzen und dieser seltsamen Leere in mir und schreibe diesen Brief, weil ich hoffe, dass ich dadurch vielleicht den Antworten auf all diese Fragen nach dem Wie und dem Warum ein Stückchen näher komme.
Ich werde diesen Brief niemals abschicken. Es ist nicht der erste, den ich dir schreibe, und ich habe keinen von ihnen abgeschickt. Heute weiß ich, dass ich es besser getan hätte. Ich hatte Angst, dich nur noch weiter von mir wegzutreiben, wenn ich dir meine Liebe gestehen würde, du würdest Abstand von mir halten, um mich nicht noch mehr zu verletzen, und selbst wenn ich irgendwo, tief in mir drin, vielleicht gewusst habe, dass das das beste für mich gewesen wäre, konnte ich es nicht. Den Kontakt abzubrechen, dich zu vergessen, erschien mir das Ende von allem zu sein. Der Gedanke, dich ein für allemal aufzugeben, war unerträglich. Jetzt ist es trotzdem passiert und ich hatte nicht den geringsten Einfluss darauf. Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Ich weiß, dass es nicht leicht sein wird, dich zu vergessen, aber es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Ich werde noch einmal neu anfangen müssen, ich werde wieder auf der Suche sein, ich werde kämpfen müssen, um mein altes Leben, um alles, was so selbstverständlich war.
Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es tun? Ich glaube nicht. Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass ich immer noch verliebt bin, so sehr, dass ich mir nicht wünschen kann, dich nicht getroffen zu haben. Immer noch habe ich das Gefühl, dass du das Beste bist, was mir je passiert ist, der wunderbarste Mensch, den ich kennenlernen durfte, und ich kann mich nicht dazu bringen, es zu bereuen. Ich habe oft gedacht, ich wäre naiv gewesen, als ich mir damals gewünscht habe, meine große Liebe zu finden, um jeden Preis, selbst wenn es mir das Herz brechen würde. Jetzt, nach allem, was passiert ist, denke ich, dass ich damals Recht hatte. In diesen letzten zwei Jahren habe ich geliebt und gelitten und vor allem gelebt und mich lebendig gefühlt wie nie. Und wenn ich daraus eines gelernt habe, eines, was ich nun sicher zu wissen glaube, dann das: Am Ende ist es besser, zu lieben, selbst wenn es einem das Herz bricht, als irgendwann festzustellen, dass man zwar nie gelitten, aber auch nicht gelebt hat.
© Lea Hartwich, 2009