Die letzten Strahlen der Herbstsonne kämpften sich durch das dichte Laub der Bäume und sprenkelten ein Muster aus Licht und Schatten auf den Weg. Der Regen, der fast den ganzen Tag über niedergeprasselt war, hatte den Waldboden in Schlamm und Pfützen verwandelt. Seine letzten Tropfen fielen auch jetzt noch von den hohen Laubbäumen. Der Sturm hatte sich gelegt, doch noch immer schüttelten heftige Böen die roten und gelben Blätter von den Ästen. Es war kalt. Ein Abend, an dem es sich die meisten Menschen mit einem guten Buch vor dem Kamin gemütlich machten. Niemanden zog es bei diesem Wetter nach draußen, die Waldwege waren verlassen.
Nur eine junge Frau hatte sich an diesem Herbstabend dort hin verirrt. Der Wind zerzauste unbarmherzig das dunkle Haar, dass ihr in weichen Wellen über die Schultern fiel. Sie trug nur einen leichten Mantel und dünne Schuhe, denkbar ungeeignet, dem tiefen Morast zu trotzen. Die Kälte färbte die Wangen in ihrem sonst sehr blassen Gesicht leuchtend rot. Sie hielt den Kopf gesenkt, doch der Blick ihrer blauen Augen, die einen reizvollen Kontrast zu ihrem dunklen Haar bildeten, war nicht auf ihre Schritte, sondern in die Ferne gerichtet.
Er beobachtete sie, fragte sich, was sie hier zu suchen hatte, argwöhnte, dass sie es selbst nicht wusste, zu unentschlossen und ziellos waren ihre Schritte.
Vielleicht hatte sie es nicht mehr ausgehalten, wo auch immer sie zuvor gewesen war. Hatte sich gefangen gefühlt in sich selbst und schließlich die Flucht ergriffen, einfach nur weg.
War sie verletzt? Zornig? Verzweifelt?
Einen Augenblick lang erhaschte er einen Blick in ihr Gesicht, glaubte, die Spuren von Tränen erkannt zu haben, den untrüglichen Schimmer auf ihrem Gesicht.
Natürlich, dachte er.
Sie achtete kaum auf den Weg vor ihr. Ihre hübschen Schuhe waren mittlerweile fast gänzlich verschmutzt, bald würden sie nicht mehr zu retten sein.
Er konnte sie vor sich sehen, wie sie sie von den Füßen schüttelte, einen kritischen Blick darauf warf und ihn mit ihrem unbekümmerten Lachen ansah. „Die schönen Schuhe, schade! Irgendwie habe ich ein Talent dafür meine Sachen zu ruinieren, was meinst du?“
Ja, das hatte sie. Aber sie besaß auch eindeutig das Talent, diese Dinge furchtbar nebensächlich erscheinen zu lassen, solange sie da war.
Einmal hatte er ihr für eine Reise sein neues Notebook geliehen, ein nagelneues Macbook, das damals sein ganzer Stolz gewesen war. Sie hatte es in die Gepäckablage im Zug gelegt und war eingeschlafen. Als sie wieder aufgewacht war, war das Notebook verschwunden gewesen und der Sitz neben ihr leer.
Während sie ihm die Geschichte empört erzählt hatte, hatte er zunächst Wut in sich aufsteigen gefühlt, doch bis sie auf ihre unvergleichlich unterhaltsame Weise zum Ende gelangt war, war sein Zorn verflogen gewesen und er hatte laut aufgelacht. Obwohl er in ihren funkelnden Augen sah, dass der Verlust des Laptops für sie nicht allzu dramatisch war, nahm er ihr diese Gleichgültigkeit nicht übel. Er wusste, dass es ihr leid tat.
Das und die Gewissheit, dass sie es ohne zu zögern genau so getan hätte, hatte ihn dazu bewogen, ihr zu sofort verzeihen. Und als er in sich hinein gehorcht hatte, musste er feststellen, dass sein Ärger verschwunden war und dass auch ihm die Sache gar nicht mehr so tragisch vorkam. Und auch wenn das vielleicht kindisch sein mochte, war er plötzlich sehr stolz auf sich gewesen, er hatte sich wie ein besserer Mensch gefühlt.
Das war es, was er so sehr an ihr liebte. Sie brachte das Beste in den Menschen zum Vorschein.
Brachte das Beste in ihm zum Vorschein.
Darum schmerzte es ihn, sie weinen zu sehen. Schmerzte umso mehr, da er zu wissen glaubte, was der Grund für ihre Tränen war.
Wenn auch der Verlust eines Notebooks nicht ausreichte, sie traurig zu machen, so genügten dafür eine Lüge, ein hartes Wort, ein Streit. Und die Liebe. Vor allem die Liebe.
Dabei war ihre Liebe vielleicht die schönste von allen. Denn für sie gab es in der Liebe keine Kompromisse. Wenn sie liebte, dann tat sie es bedingungslos, dann war sie mit ihrem ganzen Herzen dabei und gab alles, ohne zu fordern.
Und wenn das nicht ausreichte und eine Beziehung zerbrach, dann brach auch ihr Herz.
Er wusste nicht, wie viele Nächte er schon damit zugebracht hatte, sie in den Armen zu halten, ihre weiches Haar zu streicheln, ihre Tränen zu trocknen. Und ihr zu versprechen, beim nächsten Mal werde alles besser.
Das Erstaunliche war, dass ihr Herz jedes Mal aufs Neue zu heilen schien. Nie dauerte es lange, bis sie sich wieder verliebte und das Strahlen in ihre Augen zurückkehrte.
Und wenn er sie dann zur Vorsicht mahnte, lachte sie ihn aus, denn sie glaubte an die wahre Liebe, jedes Mal wieder.
Und tief in seinem Inneren sagte ihm etwas, dass sie Recht hatte.
Die Liebe, dachte er, war das Beste, was ein Mensch zu geben hatte, vielleicht das einzige, was überhaupt zählte. Und wenn einem nur eine verschwindend kurze Zeit gegeben war um etwas von Bedeutung zu hinterlassen, sollte man dann nicht lieben, ohne jede Angst? Das Leben war zu kurz, um Angst zu haben, zu kurz für Verbitterung und Einsamkeit. Er hatte das Gefühl, dass sie auf ihre eigene Art und vielleicht ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, eine Art Lebenssinn gefunden hatte. Und auch wenn der auf den ersten Blick einfach klang, wusste niemand besser als er, dass es nicht einfach war, schon gar nicht für sie.
Er betrachtete sie, den Kopf gesenkt, das Haar zerzaust, ihre Schritte unsicher. Sie wirkte verletzlich und das war sie auch, ihr Herz machte sie verletzlich. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Ihr Herz war gleichzeitig ihre große Stärke. Denn es gab ihr die Kraft und den Mut verletzt zu werden, enttäuscht zu werden, betrogen zu werden und jedes Mal wieder aufzustehen und aufs Neue zu lieben.
Doch jetzt gerade war sie verzweifelt, stolperte durch diesen Wald auf der Flucht vor der Einsamkeit und der Sehnsucht nach dem verlorenen Teil ihres Herzens.
Tränen strömten über ihr Gesicht, dessen Züge ihm vertrauter waren als die jedes anderen Menschen.
Er sah den Schmerz in ihnen und etwas in ihm fühlte ihn, wie sie ihn fühlen musste. Er wollte zu ihr laufen, wollte sie trösten, sie halten, einfach bei ihr sein. Das Verlangen danach war so stark, dass es ihm fast das Herz zerriss. Doch es ging nicht mehr. Auch er hatte sie verletzt und er wusste, dass er nicht zurück konnte.
Jetzt waren die Bäume zwischen ihnen und der Sonne. Der Weg lag auf einmal im Schatten der Abenddämmerung und er konnte ihr Gesicht nur noch schemenhaft erkennen. Ein Schemen, das war sie für ihn geworden in diesen Monaten seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte einen Schlussstrich ziehen wollen, er hatte es nicht mehr ausgehalten, stets diese Rolle zu spielen, die er in ihrem Leben erhalten hatte.
„Du bist mein Retter, weißt du das eigentlich?“, hatte sie zu ihm gesagt und in ihren blauen Augen war ein warmes Lächeln gewesen. Dann hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihn geküsst. Bis dahin war es eine filmreife Szene. Doch ihre Lippen hatten die seinen nicht berührt, sie streiften nur flüchtig seine Wange. Denn er war nicht der strahlende Held aus dem Kino, nicht der große Retter, der sich durch seine Taten die Liebe der Heldin verdiente.
Er war der, der sie vor ihren strahlenden Helden rettete. Der sie auffing, wenn diejenigen, die sich ihren Kuss, ihre Liebe verdient hatten, sie fallen ließen.
Der ihr Herz heilte, wenn es jemand gebrochen hatte. Der jedes Mal selbst am liebsten vor Schmerz geschrieen hätte. Denn ohne dass sie es wusste hatte er viel mehr getan als nur mit ihr zu fühlen. Und obwohl er sich geschworen hatte, das alles wäre vorbei, tat er es jetzt wieder.
Zu seinem Schmerz kam der Zorn. Er richtete sich gegen den, der ihr das angetan hatte. Und er richtete sich gegen sie. Weil sie ihm das antat.
Wie konnte sie das tun? Ihre Liebe war alles wofür er lebte und sie verschenkte sie großzügig an jeden anderen. Ihr Herz war für ihn so kostbar, dass er es mit seinem Leben verteidigt hätte, wie also konnte sie es immer wieder den Menschen offenbaren, die es zerbrachen. Die sie dazu brachten, dass sie an diesem Abend hier war, dass sie trotz des Unwetters einfach in den Wald gelaufen war. Blind vor Kummer war sie sich der Gefahren, die hier auf sie lauerten, abends alleine auf einem einsamen Waldweg, gar nicht bewusst. Es hätte weiß Gott was passieren können, dachte er fassungslos. Wie konnte sie so leichtsinnig sein, solche Dummheiten machen?
Auf einmal brach es alles über ihn herein. Die Sehnsucht der letzten Monate, wie er sich nach ihr verzehrt und sich gleichzeitig vor ihr versteckt hatte, bis er es an diesem Abend einfach nicht mehr ertragen hatte, sie nicht in seiner Nähe zu haben. Der Schmerz, der sich tief in ihm eingenistet hatte und dem ein Blick, ein Wort, ein Lied reichte, um jederzeit mit aller Macht hervorzubrechen. Die Liebe zu ihr, die ihn, das wusste er, wohl niemals ganz verlassen würde. Und der Zorn. Vor allem der Zorn. Wie konnte sie das tun, fragte er sich immer wieder. Sie hatte kein Recht dazu! Sie durfte nicht all das zerstören, was er liebte, sie durfte sich selbst nicht zerstören! Er sah sie dort her taumeln und wollte sie festhalten. Wollte zu ihr laufen und sie an sich reißen, ihr weh tun, sie lieben, sie anschreien, sie für all das zur Rechnung ziehen, was sie getan hatte, wollte sie fragen, warum, warum?
Wenn die Liebe alles ist, dann lass mich dich lieben! Lass mich dir alles geben und ich schwöre, ich werde nichts dafür verlangen! Mach nur dieser Einsamkeit ein Ende, lass mich wieder leben, denn mein Leben ist hohl ohne sein Herz, ohne dich!
Liebe mich, wollte er schreien, du musst mich lieben!
Da hörte er ihren Aufschrei.
Sie musste gestolpert sein, vielleicht geblendet vom Licht des Sonnenuntergangs, der plötzlich hinter der Bergkuppe auftauchte.
Er trat ebenfalls aus dem Schatten.
Der Bann war gebrochen.
Sein Atem ging heftig und unregelmäßig und als er keuchend stehen blieb merkte er, dass seine Finger zur Faust geballt waren und er die Hand wie zum Schlag gegen sie erhoben hatte.
Erschrocken über sich selbst starrte er auf seinen Arm, es schien ihm unmöglich, dass der zu ihm gehören sollte, dass er es gewesen war, der die Frau hatte schlagen wollen, die er liebte.
Sie hatte sich halb aufgerichtet und er sah die Angst in ihren Augen, als sie ihren Blick auf die Bäume richtete, wo er sich verbarg, fast als hätte sie die drohende Gefahr, seinen blinden Zorn gespürt.
Er fühlte den vertrauten Stich in seinem Herzen als er sie ansah, wie sie da auf dem Waldboden kauerte, ängstlich, weil sie sich auf einmal ihrer Verwundbarkeit bewusst war. Schutzlos und einsam.
Aber du bist doch gar nicht allein, dachte er verzweifelt, du bist niemals allein. Ich bin doch da.
© Lea Hartwich, 2008